Nachdem ich ein paar Jahre nur Informatik gemacht habe, von morgens bis spät abends, und langsam ein bisschen souveräner mit der Materie umgehen konnte, bin ich nun in ein paar Fächern wieder ein blutiger Anfänger. Im Laufe der Zeit konnte ich bei Computern z.B. ein Feeling für entwickeln, was bei einem Program “gut” ist, einigermassen instinktiv Programme refactoren, neu schreiben, langsam auch besser einschätzen, wieviel Zeit für eine Aufgabe einzuplanen ist. Ein Effekt der Entwicklung war auch, “weniger” Wert auf bestimmte Aspekte zu legen, z.B. ist ein Betriebssystem genauso gut wie das andere, je nachdem was man machen will. Zum Rumklicken sind Windows und OSX und Linux angenehm, aber genauso gut kann man ein Projekt unter $oldschoolunix zum Laufen bringen, oder unter VMS, und das echte OS gibt es eh nicht, ob alt oder neu. Damals wussten die Leute nicht besser bescheid als heute, und Nostalgie ist nicht angebracht (da dachte ich mal anders :). Das soll jetzt nicht heissen, das ich übermässig toll was drauf habe, was Computer angeht, aber in dem Bereich habe ich mehr drauf als in allen anderen, und in den Rahmenbedingungen der Materie kann ich auch relativ frei und natürlich denken.
Vor ein paar Monaten habe ich mit Genetik als Nebenfach angefangen, und da kam gleich der erste Schock: ich peile so gar nichts! Das war mir seit ein paar Jahren nicht mehr so wirklich passiert, zumindest konnte ich mir immer einbilden, was zu wissen. Allmählich ging das besser, aber die interessanteste Erfahrung war, die Denkweisen, die unterliegenden Denkschemata sind bei Biologie ganz anders. Da kommt man auf die Erkenntnis, dass das, was man für Jahre als natürlich empfunden hat, eben nicht das Einzige ist, ja nicht mal wirklich wichtig ist. Und wieviele solcher Denkarten wird man nie kennenlernen? Wo ich jetzt auch versuche, ein bisschen was zu löten, habe ich wieder die selben Erfahrungen: ich peile gar nichts, ich scheiter relativ oft (bei Computern weiss ich ja, was ich lieber nicht versuche), aber auf der anderen Seite ist das Erfolgserlebnis umso grösser. Nach diesen Anfängererlebnissen (die ich auch habe, wenn ich versuche philosophische Texte zu kapieren, oder soziologische Essays) fühle ich mich aber “reicher”, als wenn ich jetzt nur meine geilen C0mput3r-0v3rsk1llz verbessert hätte, und ich kann mir glaub nicht mehr vorstellen, solche Erlebnisse alle paar Jahre zu haben, so als “kalte Dusche zum Aufwachen”. Das einfachste, um sowas zu erleben, ist denke ich einfach Fachwechsel. Oder vielleicht verreisen? Woanders wohnen? Das muss wahrscheinlich ähnlich spannend sein.