
Am Wochenende fanden die “Karlsruhe Gespräche” statt. Die Karlsruhe Gespräche vereinigen seit 8 Jahren Diskussionsrunden, Vorträge und künstlerische Vorstellungen, dieses Jahr unter dem Motto “Ich! Ich! Der vernetzte Egoist?”. Anscheinend war bei dem Motto das Fragezeichen sehr wichtig, über irgendwas will man ja reden. Ein Fragezeichen ist ja auch provokant genug. Am Freitag Abend im hoch bunt beleuchteten Web.de Gebäude (und auch hoch bunt beschallten Gebäude, draussen konnte man merkwürdige Synthesizerakkorde und Urwaldschreie wahrnehmen) wurden die Gespräche eröffnet. Wie man recht schnell nach dem Betreten des Gebäudes feststellen konnte, warb die Stadt für das neue Hirngespinst von Herrn Oberbürgermeister Fehring, nämlich: “Karlsruhe: Kulturhauptstadt Europas 2010″. Viele lebensgrosse Plakate mit Abbildungen der kulturellen Persönlichkeiten der Stadt, natürlich die kulturell und künstlerisch überwältigende Lichtschau draussen, und beeindruckende Slideshows mit den neusten kleingeschriebenen Kampagneslogans (”viel vor. viel dahinter.”). Aha, man wird ja sehen. Mit ein bisschen Glück gibt es dann noch das ZKM. Und ein paar Studenten, die die Studiengebühren bezahlen können. Und hoffentlich gibt es dann auch jeden Abend Lichtschau am Schloss mit Urwaldgeschreien.
Eingeleitet wurden die Gespräche durch Eröffnungsreden von Frau Robertson, Leiterin des veranstaltenden ZAK Instituts, dem Oberbürgermeister und dem CEO von Web.de. Ich vermute, dass der CEO von Web.de einmal Techniker war, denn seine Eröffnungsrede war leicht nerdisch angehaucht. Er redete Marketing-f00 über neue Kommunikationsmöglichkeiten, stellte die ungeahnt tollen Features der neuen Software von Web.de vor, die eine neue Art der Kommunikation ermöglichen werde. Dann beschrieb er, wie Web.de doch als Diensteanbieter grundlegender Baustein der vernetzten Welt wäre, wo es doch vor 10 Jahren das Internet noch nicht gab (aha!). Und dann deklarierte er, dass es das jetzt wär und verschwand. Wie geekig! Wie vernetzt!
Ich glaube, dass anschliessend Frau Robertson noch kurz den ersten Redner, den Gastredner aus Amerika, Unterstützer von Howard Dean, vorgestellt hat: Benjamin Barber, Professor an der University of Maryland und wichtiges Mitglied des Democracy Collaborative . Dieser stellte seine Thesen über Technologie und Vernetzung, über E-Democracy vor. In einem humpeligen Deutsch, denn “Es ist besser, dass sie perfekt verstehen, was ich nicht so perfekt ausdrücke, als dass sie das missverstehen, was ich perfekt ausdrücke.” Viel kann ich von der Rede aus meinem Gedächtnis nicht mehr zusammenkratzen, zum Teil weil die Durlacher Trollfraktion auf einmal da war, und sich über alles lustig gemacht hat (”Sie stören”). An einer Aussage kann ich mich noch erinnern, und zwar, dass Technik neutral sei, und letztendlich immer von Menschen kontrolliert würde. Genau dieser Satz wurde am nächsten Tag wieder aufgegriffen, und es wurde dazu bemerkt, dass Technik nie neutral sei, sondern immer eine gesellschaftliche Wirkung habe. Aber genau das wollte Barber ja sagen, nur dass nicht die Technik an sich für diese Auswirkungen verantwortlich ist, sondern die Menschen, die sie einsetzen. Das konnte er mit dem Beispiel des Schiesspulvers ausmalen: dieselbe Technologie hatte komplett andere gesellschaftliche Folgen in Europa, wo es sozusagen zu einer “Demokratisierung” des Krieges kam, wo nicht nur mehr ein paar Kriegsherren die alleinige militärische Macht besassen; und in China, wo das Schiesspulver die Macht der Warlords nur stärker befestigen konnte.
Gefolgt wurde Benjamin Barbers Rede von dem Vortrag von Mo Edoga über “Die Unendlichkeit als plastisches Ereignis”. Dazwischen lag aber die heiss ersehnte Buffetpause, mit Rotwein, Weisswein, Laugengebäck und kleinen Häppchen aus Blätterteig. Eng war es in dem Raum! Aber zurück zu dem eigentlichen kulturellen Geschehen. Mo Edoga ist mit seiner tollen umgekippten Rastafrisur, seinem zu zwei Bällchen zusammengeknoteter Bart und seiner enganliegenden Lederhose sofort aufgefallen. Vor dem Vortrag hat er ein paar Videomitschnitte von einem seiner Kunstwerke in Washington gezeigt, wo er tagelang aus Treibholz einen riesigen Turm gebaut hat. Ähnliches hat er auch hier an der Fridericiana 1994, oder auch auf der Documenta IX (1992) gemacht. Während diesem Zusammenknoten von Baumstämmen unterhielt er sich immer mit den Leuten, die ihn und sein Werk beobachtet haben. Anscheinend ist diese Kommunikation mit dem Publikum fester Teil seines künstlerischen Vorgehens. Ein paar Sätze aus diesen Gesprächen mit dem Publikum wurde im Dokumentarfilm aufgezeichnet, die wohl auch Schlüssel zu seinem späteren Vortrag sind: “Der Sinn ist nicht wichtig” (so habe ich es in Erinnerung). Mitgebracht hat er auch einen relativ kleinen (ungefähr 1 Meter Durchmesser) Globus aus Treibholz, einen “nicht-euklidischen Globus”. Edoga stellte dann im Vollautomatik-Rhythmus die komplexe Philosophie, die sein Werk untermauert. Wortwörtlicher Mitschrieb (einen Satz konnte ich einigermassen abtippen, der Rest ging zu schnell, und es ist jetzt nicht unbedingt so, dass ich langsam tippe):
Gemeint mit Renaissance ist hier die Ökorenaissance (alles klar?). Ein paar Begriffe schienen ihm besonders wichtig zu sein, denn er notierte sie auch auf einer Tafel: Chaogenität, Ökorenaissance, Nicht-euklidie. Er erzählte uns auch, Amerikaner hätten ihm abgekauft, dass Chaogenität ein real existierender Begriff griechischen Ursprungs sei, wo Edoga ihn doch nur erfunden hätte. Dabei lachte er sich einen ab. Die Entropia-Trollfraktion war nach dem Rotwein auch relativ heiter, und wir konnten uns nicht verkneifen, währen dem Vortrag zu lachen und zu beobachten, wie nach und nach das Publikum den Raum verliess. Eine blonde Dame vor uns reagierte dann auch ganz angepisst, und meinte zu Nicola: “Sie stören.” “Wir können doch nichts dafür, wenn sie nichts peilen”, antwortete Nicola. Dann wurde gewettet, ob der Vortrag ernst gemeint war, Nicola und mgr waren strikt der Meinung, das sei nur Verarschung, Dividuum und ich waren uns da nicht so sicher. Scheinbar war das auch ernst gemeint, denn die Sprache hatte Mo Edoga auch später im Restaurant und bei einer Publikumsfrage bei der Podiumsdiskussion drauf. Vielleicht können wir einfach seine Gedankengänge nicht parsen, und er bewegt sich nur in Welten, die ihn verstehen. Jedenfalls stand nach einer halben Stunde Frau Robertson auf, und meinte freundlich zu Mo Edoga, das Publikum wäre jetzt nicht mehr ganz fit nach dem Naschen und Alkoholkonsum, und es wäre langsam Zeit, Schluss zu machen. Und so ging auch der Abend zu Ende.