In dem Bericht über den ersten Tag habe ich gelogen, denn der Abend war nach dem Abklang von Mo Edogas Vortrag noch lange nicht fertig. Kaum wieder in Karlsruhe bemerkte ich, dass ich meinen Geldbeutel irgendwo bei Web.de oder vielleicht in der Bahn verpeilt hatte. Das mit dem Geldbeutelverpeilen ist bei mir wie ein längst vergessenes Familienmitglied, das alle 2 Jahre im Durchschnitt mal wieder an der Tür klopft. Wenn man die Tür nichtsahnend öffnet haucht es einem dann seinen verwesten Mundgeruch ins Gesicht, dass man zuerst eine gezischt kriegt und Atemnot bekommt. Dann aber erst wird einem allmählich klar, dass man erstmal ein paar Tage damit kämpfen muss, weil sich der unerwünschte Gast eingenistet hat. Besonders schlimm ist es, wenn man gleich noch die Schlüssel mit verpeilt, da darf man bevor das Leben überhaupt einigermassen normal weitergeht richtig rumhetzen. Das Schlimme ist das neben dem Geld auch alle superwichtige Papiere, die man so im Alltag braucht, verschwinden (z.B. Netzkarte, Visitenkarten, Mensakarte). Nicht, weil man sie oft braucht (das nervt nur aus pragmatischen Gründen), sondern weil es Gegenstände sind, die einen hohen emotionalen Wert haben, weil man gerade täglich mit ihnen konfrontiert ist. Als ich endlich bei Web.de klingelte, nachdem ich mit der ersten S-Bahn nach Durlach gefahren war, wusste ich eigentlich schon, was mich erwarten würde: “Tut mir leid, aber wir haben leider nichts gefunden.” Super! Ganz grossartig! Ein gelungener Abend! Wirklich! Im Hadiko stellte ich mit Grauen fest, dass an dem Abend ja Faschingsfest war. Klingt lustig, ist es aber nicht. Faschingsfest im Hadiko bedeutet nämlich, dass bis 7 Uhr morgens besoffene Affenabkömmlinge unter meinem Fenster rumgröllen, während dumpfe eklige Mainstreamdiskomucke aus dem K1 sämtliche Wände erzittern lässt. So kam es dann auch, und nach einer erholsamen Nacht durfte ich dann ohne Papiere Richtung FZK düsen, um dort das letzte Genetikseminar abzuhaken.
Wegen dem Seminar konnte ich auch nur zur letzten Veranstaltung des vernetzten Egoisten kommen. Um 16:00 fand im badischen Landesmuseum am Schloss die Diskussionsrunde statt, die den selben Namen, wie die Karlsruhe Gespräche trug: “Gesellschaft im Jahre 2010: Der vernetzte Egoist?”. Ich kam pünktlich zur Kaffeepause, und wollte mir einen Kaffee holen, konnte aber leider nicht, da ich ja kein Geld hatte. Doch genau in dem Moment redete mich eine ZAK-Mitarbeiterin an. “Bist du doch der Marcel?” “Ja so ungefähr, ich bin der Manuel.” “Du hast gestern bei uns deinen Geldbeutel verloren, oder?” Und da war er wieder! Und mit ihm auch gleich das nötige Kleingeld für die heiss ersehnte Kaffeetasse. Juhuu!
Beteiligt an der Gesprächsrunde, die durch Vorträge der Referenten eingeleitet wurde, waren Natascha Adamovsky, Dozentin an der Humboldt Universität Berlin, Johann Günther, Direktor des Zentrums für Telematik in Krems und Peter Weibel, Leiter des ZKM. Natascha Adamowsky trug einen Text vor, in dem sie darstellte, wie sie sich das Leben eines vernetzten Egoisten im Jahre 2010 vorstellte. Ich muss nicht wirklich aufgepasst haben, das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist der Neovergleich. Und tatsächlich kamen Matrixvergleiche auch ziemlich oft in den folgenden Vorträgen vor. Johann Günther hatte vorwiegend Telematikerfolien, mit vielen bunten Grafiken wie weit Vernetzung im letzten Jahrzehnt vorangeschritten sei. Und ein UMTS-Handy hat er, aber das klingelt genauso penetrant und unerwünscht wie die alten GSM-Modelle. Peter Weibel konnte man leider nur schlecht verstehen, aber seine Thesen schienen am interessantesten zu sein. Die Müdigkeit der Nacht, nur gering vermindert durch die paar hastig hinuntergeschlürften Kaffees in der Pause, hinderte mich aber daran, genauer verstehen zu wollen, was er da vorne nuschelte. DJ Reptilskroete stellte während Peter Weibels Vortrag seine Männlichkeit zur Schau, indem er hinten plötzlich aufstand, die Arme zum Himmel schleuderte, und mit schaumigen Mund brüllte: “Reden Sie doch lauter! Man versteht Sie ja kaum!”. Das Lustige war aber nachher die Fragestunde, wo sich ein Zukunftsforscher vorstellte, und meinte, dass die ganze Technikdebatte doch Vergangenheit wäre, das Interessante jetzt sei doch Soziobiologie, ja, menschliche Gesellschaften als Bienenschwärme auffassen. Aha. Und was man schon in vergangen Zeiten mit Soziobiologie verbunden, darüber will man kaum nachdenken (Stichwort Sozialdarwinismus).
Am Abend fand dann die “szenische Lesung” im Nachtflug statt. Ich weiss nicht, ob “szenische Lesung” ein Fachbegriff ist, aber es klingt doch furchtbar hype. Fast so hype wie das Nachtflug-Lokal. In dem Film “Vaya Con Dios” landen 3 Mönche in Karlsruhe, werden fast sofort von coolen jungen Leuten im Cabrio aufgenommen und zu einer extrem geilen Laute-Musik-Nackte-Koerper-Utz-Utz-Party verschleppt. So ungefähr wie der Schuppen, indem diese Party stattfand, kann man sich das Nachtflug vorstellen. Weit ausserhalb (in der Amisiedlung), total schick in Rot und Schwarz, “Bitte nur gepflegte Kleidung”-Schild am Eingang, Weinglas und hochnäsige Bedienung für 5 EUR. Total notwendige Kneipe also. Die szenische Lesung war die Theateraufführung von Falk Richters Stück “Electronic City”, indem es um einen (oder mehrere? oder ganz alle) Geschäftsmänner namens Tom und eine Flughafenangestellte namens Joy geht. Tom reist von Stadt zu Stadt (oder eher von Flughafen zu Flughafen), trifft immer wieder auf dieselben Leute, brüllt laut seine Verzweiflung in die seelenlose Terminalgänge, will alle umbringen oder auch nur wieder ein bisschen lieben. Joy geht es genauso, nur sie ist eben Supermarktsklavin, muss die Barcodemaschine füttern, und sonst nichts. Ich fands ganz nett, wenn auch ziemlich manieriert, und ein bisschen “veraltert”, weil es doch sehr nach 2001 und Startupblase riecht. In derselben Umgebung von grossen Hotelketten, die in Tokyo und Toronto identische Gebäude stehen haben, ist “Lost In Translation” ein ziemlich schöner Schmusefilm.