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Friday, September 2, 2005

Pirateria

Ich war in den letzten zwei Wochen in Koeln in der Pirateria-Halle, und habe lange
ueberlegt, ob ich darueber nun bloggen soll. Wie man beim durchklicken
der Archive schnell bemerkt, schreibe ich meistens nur ueber
unpersoenliche, technische Hacks. Das geht auch ganz einfach, weil ich
bei technischen Themen meistens der Sache komplett auseinandernehmen
kann und 100% verstehen kann. Da brauch ich auch keine Angst zu haben,
was falsches zu schreiben, oder was zu schreiben, zu dem ich 2 Wochen,
2 Monate oder 2 Jahre nicht mehr stehe.

Nun ist aber die Pirateria eine Sache, die relativ wenig mit Technik
zu tun hat. Worum es genau ging, ist mir auch nicht klar, ich weiss
auch nicht, ob es ueberhaupt jemandem klar ist. Ich bin dort
jedenfalls hingekommen, weil mich Fukami eingeladen hat. Offizielle
Begruendung fuer den Besuch war dann auch “wir legen auf”. Also bin
ich nach Koeln getrampt, kam direkt in eine relativ verstoerende
Atmosphaere an, und beim besuchen der Halle wurde ich mir sofort der
aufreibenden, verschiebenden Energie des Ortes bewusst (klingt jetzt
leicht lala-esoterisch) (Fotos). In dieser
Halle, die der Schiffskapitaen bei einem Besuch der nachbarigen
Kletterhallen entdeckt hat, treffen sich KuenstlerInnen (aus allen
Richtungen: Malerei, Tanz, Musik, Theater, Skulptur, Video, Foto,
Performance, Installationen), und veraendern, bauen, zerstoeren,
machen, lassen Klaenge ertoenen, veranstalten, installieren, filmen,
fotographieren, saufen, reden, tanzen, spacken ab. Da die Halle halb
am einstuerzen ist, kann man alles anfassen, es liegen Unmengen an
Baumaterial rum (auch stapelweise richtig edle Glassscheiben
z.B.). Auf der einen Seite gibt es also kaum Grenzen, die von Menschen
gegeben sind (es gibt keiner, der sagen kann “das geht doch nicht,
hier die Wand rosa zu streichen, um davor nackt zu tanzen”). Auf der
anderen Seite, gerade weil keine planende, organisierende und
bremsende Kraft vorhanden ist, ist die Halle ein gefaehrlicher
Ort. Man kann sich dort nicht aufhalten, ohne sich Gedanken zu machen,
auch nur auf der untersten Ebene (“kann ich da hin?”). Dadurch wird
denke ich bei jedem, der sich laenger dort aufhaelt, und diese
Moeglichkeiten und Grenzen wahrnimmt, ein Gedankenprozess gestartet,
das man ueber den Raum, die Moeglichkeiten des Raumes, und seine
eigenen Moeglichkeiten reflektiert, und was unternimmt.

Bei meinem ersten Besuch, der drei Tage lang war, habe ich gemerkt,
dass dort irgendwas geht, wusste aber nicht genau was. Vielleicht,
weil ich mit den vielen neuen Leuten klarkommen musste, weil ich mit
neuer Software beschaeftigt war, auch, weil es wohl meine erste
laengere Begegnung mit “lebendiger” Kunst war. Keine Begegnung wie
“ins Museum gehen”, oder eine Veranstaltung besuchen, die nach ein
paar Stunden wieder vorbei ist, oder auch einen Nachmittag lang mit
Menschen ueber Kunst zu reden, sondern (im wahrsten Sinne des Wortes)
darin zu leben. Beim zweiten Besuch war dann alles ein bisschen
gelassener, ich wusste, dass es nicht wirklich darum geht, Party zu
machen, ich musste nicht hochtrampen, ich kannte die Leute, und ich
wusste, dass ich diesmal die Gelegenheit ausnutzen konnte, bestimmte
Sachen, und insb. mein Verhaeltnis zu Kunst, zu ertasten und
greifbarer zu machen. Im Laufe der Tage habe ich dann ein paar
Stencils angebracht, ein bisschen Musik geklickt, eine Art
Schnittsoftware zusammen gehackt. Das war dann auch die eigentlich
Erkenntnis: Kunst ist in meinem Leben zumindest unterschwellig dabei
gewesen, und man kann auch “einfach so” Kunst machen. Code ist dabei
ein Werkzeug wie jedes anderes.

Ich habe vor meinem Studium ein bisschen Gitarre gespielt, und wollte
eine Zeitlang auch Musik studieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass
es eine Art unsichtbare Barriere gab, gegen die ich mich, trotz guter
Technik und Fleiss immer wieder gestossen habe: irgendwie war das, was
ich gespielt und improvisiert habe, nicht das wahre. Das, was geklappt
hat, war dafuer programmieren, und vor dem Rechner konnte ich auch
meine Kreativitaet ausleben, ohne einen unterschwelligen Frust zu
schieben. Informatik habe ich dann auch studiert, konnte mich auch
fuer die meisten Faecher interessieren. Das Wichtige blieb mir aber
immer das Programmieren, genau weil Programmieren kreativ war. Gitarre
liess ich dann bleiben. Das war die Periode, in der ich zum
Hardcore-Nerd wurde, dicke Unixkisten gesammelt habe, mir zigtausend
Programmiersprachen angeeignet habe und Blackhatmaessig unterwegs
war. Unbewusst war die Bekenntnis zur Kunst immer noch da, und dank
Pirateria ist sie jetzt wieder aufgeflammt. Ich denke auch, dass es in
dem Bereich wie in den meisten anderen ist. Machen, Schrott in die
Welt stellen, reflektieren, weiter machen, und beim naechsten Mal
wirds hoffentlich besser. Und sich nicht (wie ich es beim
Gitarrespielen gemacht habe) auf die Werkzeuge verlassen, sondern
versuchen, die Werkzeuge einzusetzen, um das in die Welt zu setzen,
was man sich innerlich vorstellt. Das ist eh schon genug verstellt.

posted by manuel at 5:54 pm  

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