{"id":144,"date":"2005-09-02T17:54:49","date_gmt":"2005-09-02T15:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.bl0rg.net\/netzstaub\/?p=144"},"modified":"2005-09-02T17:54:49","modified_gmt":"2005-09-02T15:54:49","slug":"pirateria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.bl0rg.net\/netzstaub\/2005\/09\/02\/pirateria\/","title":{"rendered":"Pirateria"},"content":{"rendered":"<p>Ich war in den letzten zwei Wochen in Koeln in der <a href=\"http:\/\/www.pirateria.org\/\">Pirateria-Halle<\/a>, und habe lange<br \/>\nueberlegt, ob ich darueber nun bloggen soll. Wie man beim durchklicken<br \/>\nder Archive schnell bemerkt, schreibe ich meistens nur ueber<br \/>\nunpersoenliche, technische Hacks. Das geht auch ganz einfach, weil ich<br \/>\nbei technischen Themen meistens der Sache komplett auseinandernehmen<br \/>\nkann und 100% verstehen kann. Da brauch ich auch keine Angst zu haben,<br \/>\nwas falsches zu schreiben, oder was zu schreiben, zu dem ich 2 Wochen,<br \/>\n2 Monate oder 2 Jahre nicht mehr stehe.<\/p>\n<p>Nun ist aber die Pirateria eine Sache, die relativ wenig mit Technik<br \/>\nzu tun hat. Worum es genau ging, ist mir auch nicht klar, ich weiss<br \/>\nauch nicht, ob es ueberhaupt jemandem klar ist. Ich bin dort<br \/>\njedenfalls hingekommen, weil mich <a href=\"http:\/\/fukami.vakuum.net\/\">Fukami<\/a> eingeladen hat. Offizielle<br \/>\nBegruendung fuer den Besuch war dann auch &#8220;wir legen auf&#8221;. Also bin<br \/>\nich nach Koeln getrampt, kam direkt in eine relativ verstoerende<br \/>\nAtmosphaere an, und beim besuchen der Halle wurde ich mir sofort der<br \/>\naufreibenden, verschiebenden Energie des Ortes bewusst (klingt jetzt<br \/>\nleicht lala-esoterisch) (<a href=\"http:\/\/flickr.com\/photos\/tags\/pirateria\/\">Fotos<\/a>). In dieser<br \/>\nHalle, die der Schiffskapitaen bei einem Besuch der nachbarigen<br \/>\nKletterhallen entdeckt hat, treffen sich KuenstlerInnen (aus allen<br \/>\nRichtungen: Malerei, Tanz, Musik, Theater, Skulptur, Video, Foto,<br \/>\nPerformance, Installationen), und veraendern, bauen, zerstoeren,<br \/>\nmachen, lassen Klaenge ertoenen, veranstalten, installieren, filmen,<br \/>\nfotographieren, saufen, reden, tanzen, spacken ab. Da die Halle halb<br \/>\nam einstuerzen ist, kann man alles anfassen, es liegen Unmengen an<br \/>\nBaumaterial rum (auch stapelweise richtig edle Glassscheiben<br \/>\nz.B.). Auf der einen Seite gibt es also kaum Grenzen, die von Menschen<br \/>\ngegeben sind (es gibt keiner, der sagen kann &#8220;das geht doch nicht,<br \/>\nhier die Wand rosa zu streichen, um davor nackt zu tanzen&#8221;). Auf der<br \/>\nanderen Seite, gerade weil keine planende, organisierende und<br \/>\nbremsende Kraft vorhanden ist, ist die Halle ein gefaehrlicher<br \/>\nOrt. Man kann sich dort nicht aufhalten, ohne sich Gedanken zu machen,<br \/>\nauch nur auf der untersten Ebene (&#8220;kann ich da hin?&#8221;). Dadurch wird<br \/>\ndenke ich bei jedem, der sich laenger dort aufhaelt, und diese<br \/>\nMoeglichkeiten und Grenzen wahrnimmt, ein Gedankenprozess gestartet,<br \/>\ndas man ueber den Raum, die Moeglichkeiten des Raumes, und seine<br \/>\neigenen Moeglichkeiten reflektiert, und was unternimmt.<\/p>\n<p>Bei meinem ersten Besuch, der drei Tage lang war, habe ich gemerkt,<br \/>\ndass dort irgendwas geht, wusste aber nicht genau was. Vielleicht,<br \/>\nweil ich mit den vielen neuen Leuten klarkommen musste, weil ich mit<br \/>\nneuer Software beschaeftigt war, auch, weil es wohl meine erste<br \/>\nlaengere Begegnung mit &#8220;lebendiger&#8221; Kunst war. Keine Begegnung wie<br \/>\n&#8220;ins Museum gehen&#8221;, oder eine Veranstaltung besuchen, die nach ein<br \/>\npaar Stunden wieder vorbei ist, oder auch einen Nachmittag lang mit<br \/>\nMenschen ueber Kunst zu reden, sondern (im wahrsten Sinne des Wortes)<br \/>\ndarin zu leben. Beim zweiten Besuch war dann alles ein bisschen<br \/>\ngelassener, ich wusste, dass es nicht wirklich darum geht, Party zu<br \/>\nmachen, ich musste nicht hochtrampen, ich kannte die Leute, und ich<br \/>\nwusste, dass ich diesmal die Gelegenheit ausnutzen konnte, bestimmte<br \/>\nSachen, und insb. mein Verhaeltnis zu Kunst, zu ertasten und<br \/>\ngreifbarer zu machen. Im Laufe der Tage habe ich dann ein paar<br \/>\nStencils angebracht, ein bisschen Musik geklickt, eine Art<br \/>\nSchnittsoftware zusammen gehackt. Das war dann auch die eigentlich<br \/>\nErkenntnis: Kunst ist in meinem Leben zumindest unterschwellig dabei<br \/>\ngewesen, und man kann auch &#8220;einfach so&#8221; Kunst machen. Code ist dabei<br \/>\nein Werkzeug wie jedes anderes.<\/p>\n<p>Ich habe vor meinem Studium ein bisschen Gitarre gespielt, und wollte<br \/>\neine Zeitlang auch Musik studieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass<br \/>\nes eine Art unsichtbare Barriere gab, gegen die ich mich, trotz guter<br \/>\nTechnik und Fleiss immer wieder gestossen habe: irgendwie war das, was<br \/>\nich gespielt und improvisiert habe, nicht das wahre. Das, was geklappt<br \/>\nhat, war dafuer programmieren, und vor dem Rechner konnte ich auch<br \/>\nmeine Kreativitaet ausleben, ohne einen unterschwelligen Frust zu<br \/>\nschieben. Informatik habe ich dann auch studiert, konnte mich auch<br \/>\nfuer die meisten Faecher interessieren. Das Wichtige blieb mir aber<br \/>\nimmer das Programmieren, genau weil Programmieren kreativ war. Gitarre<br \/>\nliess ich dann bleiben. Das war die Periode, in der ich zum<br \/>\nHardcore-Nerd wurde, dicke Unixkisten gesammelt habe, mir zigtausend<br \/>\nProgrammiersprachen angeeignet habe und Blackhatmaessig unterwegs<br \/>\nwar. Unbewusst war die Bekenntnis zur Kunst immer noch da, und dank<br \/>\nPirateria ist sie jetzt wieder aufgeflammt. Ich denke auch, dass es in<br \/>\ndem Bereich wie in den meisten anderen ist. Machen, Schrott in die<br \/>\nWelt stellen, reflektieren, weiter machen, und beim naechsten Mal<br \/>\nwirds hoffentlich besser. Und sich nicht (wie ich es beim<br \/>\nGitarrespielen gemacht habe) auf die Werkzeuge verlassen, sondern<br \/>\nversuchen, die Werkzeuge einzusetzen, um das in die Welt zu setzen,<br \/>\nwas man sich innerlich vorstellt. Das ist eh schon genug verstellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war in den letzten zwei Wochen in Koeln in der Pirateria-Halle, und habe lange ueberlegt, ob ich darueber nun bloggen soll. 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