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beatz & funkz

Tuesday, February 28, 2006

Lebensveraenderungsblogging

Das wird bestimmt wieder ein Eintrag, den ich in ein paar Monaten oder
Jahren bereuen werde, aber auf der anderen Seite ist mir das Thema
doch recht wichtig 🙂 Es geht darum, was so im letzten Jahr passiert
ist (und deswegen auch ein totaler Ego-selbstzentrierter Eintrag,
Technikfans bitte zappen).

Kurz zusammengefasst fing das damit an, das ich kurz nach dem
Congress “krank” geworden bin, ich hatte dauernd Bauchschmerzen, auf
einer ziemlich seltsamen Art, so dass ich die ersten Monate erstmal
damit verbracht habe, ueberhaupt rauszufinden, was los ist. Ich bin
recht schnell zum Arzt, zu mehreren Aerzten, hatte auch ein paar recht
schwerwiegende Untersuchungen, kam aber nichts bei raus, rein gar
nichts (ausser Zeugs wie “essen Sie doch mehr Gemuese”, wo ich
vegetarisch gegessen habe, oder “das ist ein Virus, das kann ein paar
Monate dauern, da muessen Sie ein bisschen leiden”, danke Aerzte). Auf
der anderen Seite war ich so durcheinander von der Sache, dass ich
erst mal fuer ein paar Monate gar nicht mehr raus bin, und nur in
meinem Bett gehockt habe, alle Nebenjobs die ich hatte gecancelt,
nicht mehr in die Uni.

Ziemlich schnell hat auch die Verzweiflung eingesetzt, und
bescheuert wie ich war hatte ich dann den Entschluss gefasst, “wenn
das am 1. Mai nicht weg ist, bring ich mich um”. Ich bin bei solchen
Ideen meistens auch recht hartnaeckig. Zum Glueck, oder wie auch
immer, verliess mich kurz spaeter meine langjaehrige Freundin, so dass
ich erstmals alles revidiert habe, damit sie nicht denkt, sie waer
dran schuld, und hab beschlossen “wenn jetzt so alles auf mich
zukommt, kann ich ja auch mal das beste draus machen”. Das erste
groessere Problem war dann “oops, keine Freundin mehr, aber du hast ja
eigentlich deine ganze Teeniezeit solche Themen gezappt, was machst du
jetzt?”. Nach dem Grundgedanke “mach was am meisten weh tut, dann
lernst du am schnellsten” bin ich dann zum ersten Mal in eine Disko
gegangen, Kleidungsstil leicht geaendert, erstmal alle Leute ueberall
anlabern und quatschen, und siehe da, es hat alles recht schnell und
gut geklappt. Es war natuerlich am Anfang recht qualvoll, weil das Ego
sich strauebt, aber an peinlichen Koerben kann man nicht sterben. Ich
glaube, was mir paradoxerweise dabei auch viel geholfen hat waren die
dauernden Bauchschmerzen, weil ich auf den Modus geswitcht bin “du
hast ein Problem, dass dir das Leben kaputt macht, aber andererseits
hast du keinen Schimmer, wie du das angehen kannst. Es bringt also
nichts, sich irgendwelche Probleme aufzubauen, an denen du sehr wohl
was aendern kannst.” Ich kann so eine “Augen zu und durch” eigentlich
nur empfehlen fuer Leute die wich ich total schuechtern bzw. nie so
richtig den menschlichen Kontakt hinbekommen haben. Nach 200 Leuten,
die man dumm angesprochen hat, merkt man, dass es total spass macht
und nichts schlimmes passieren kann (ich hab einmal von
Merzedes-Doener-Prolls aufs Maul bekommen, aber vielleicht sollte man
nicht zu solchen Menschen hintorkeln und sie fragen, was sie fuer
Sesamstrassemusik doch hoeren wuerden). Die eigentliche Erkenntnis war
dan auch “du bist nicht wirklich so wichtig, und was du denkst auch
nicht”, zumindest war das bei mir das Problem, glaube ich.

Parallel dazu sind meine Lernversuche gescheitert, weil man sich
mit rumspackenden Bauch nicht konzentrieren kann (ich weiss immer noch
nicht ob das von meiner Seite aus eine billige Ausrede war, aber ich
glaube nicht, man kann bei Bauchrumspacken, also Uebelkeit,
Blaehbauch, usw… wirklich schwierig sich auf irgendwas
konzentrieren), hab ich beschlossen, mal ein bisschen freizudrehen,
und bin so ein bisschen durch Deutschland gereist/getrampt. Das kann
ich auch nur empfehlen :} Dabei sind ein paar Sachen echt schraeg
gelaufen, aber ein paar Sachen werde ich nie bereuen. Durch die ganze
Partyoptik hab ich angefangen mich bewusst fuer Musik zu
interessieren, hab mir zum Geburtstag dann auch die passende Software
gewuenscht, und durch das Rumtrampen bin ich dann auch nach Koeln in
der Pirateria gelandet, wo ich gepeilt habe, das mir im Grunde
genommen Kunst am allerwichtigsten ist. Seitdem versuch ich das auch
recht hartnaeckig zu verfolgen. Ich hab so die letzten 6-7 Jahre damit
verbracht, Computerzeugs zu machen, und bin auch an einem Punkt
angelangt, wo ich langsam denke “es reicht, du weisst genug um das zu
verwirklichen, was du machen willst”, und da stellt sich auch die
Frage “ja und was willst du machen?” Und auch wenn es enorm spannend
ist, habe ich glaub ich keine Lust mich mit “nur Programmieraufgaben”
zu beschaeftigen, also mit solchen Sachen wie ein OS bauen,
Programmiersprachenkonzepte zu verfolgen, oder was auch immer total
spannend ist. Das ist mir zu “technikzentriert” und es fehlt mir
irgendwas (als Randbemerkung, ich finde Programmieren an sich enorm
kreativ, nur ist das Endergebniss dann meistens nicht irgendwas an dem
man sich im lyrischen Sinne erfreuen kann. Auch wenn ich eine
unglaublich schicke Datenbank gebaut habe, werde ich da im Endeffekt
auch wieder nur Accountingdaten drin speichern). Ich bin wirklich froh
darueber, diese “Sinnkrise” (oder wie man das nennen kann) so recht
glatt ueberbuegelt zu haben: ich kann jetzt programmieren, kann damit
wenn ich es mal muss (also bald) auch mein Leben gut verdienen, auf
der anderen Seite will ich jetzt schoene Musik machen, und das
erfordert (fuer mich zumindest) viel Arbeit und gibt mir ein Ziel.

Das war wieder viel gelabert, aber die paar Erkenntnisse von diesem
wilden Jahr waren:

  • es gibt (zumindest fuer Menschen wie ich, die Internet haben und
    genug zu essen), soviel spannendes und wildes und interessierendes
    Zeug auf der Welt (und im Netz), das einem nie langweilig werden
    kann, nie nie nie nie nie… Es ist parallel dazu auch ziemlich
    einfach, die menschliche Komponente in seinem Nerdleben aufzuwerten,
    indem man einfach ein bisschen locker laesst und mit Leuten
    redet. Und vor allem, man kann es recht gut trainieren 🙂
  • die meisten Probleme, die einen ungluecklich machen, sind
    eigentlich gar keine. Zumindest hab ich frueher immer irgendwie
    wegen irgendwas stress oder panik geschoben (und wusste glaub ich
    auch unterschwellig, das ich mir das eigentlich nur einbilde), dann
    hatte ich zum ersten Mal ein Problem fuer das ich wenig kann
    (vielleicht ist die Bauchgeschichte auch halbwegs psycho, aber ich
    war auch in so einer Darmpsychoklinik und die haben mich recht
    schnell heimgeschickt), und gemerkt, das die meisten Probleme doch
    nur Einbildung sind, und man sie recht schnell wegdenken kann. Mit
    dem Bauch komme ich mittlerweile auch recht gutklar, auch wenn sich
    an den Symptomen glaube ich nichts geaendert hat. Ich hab jetzt im
    letzten Jahr ungefaehr 6 Monate damit verbracht, jeden Tag zu
    heulen, weil es weh tat, weil es im sozialen Leben total stoert,
    weil man nicht zur Ruhe kommt, dann noch ungefaehr 6 Monate nichts
    ausser Reis und Schlamm gegessen (eine ganz krasse Sache dabei ist
    z.B. auch, dass ich seit einem Jahr mich nicht hinlegen konnte, und
    mich strecken, ohne das dabei automatisch der Bauch signalisiert
    “ey, du hast noch einen Blaehbauch, vergiss mich bitte nicht”), und
    jetzt sag ich mir mittlerweile einfach “ach fuck it, dann geh ich
    halt heute nicht raus, ist auch ok”. Laengerfristig will ich dann
    glaub ich doch noch was machen, aber jetzt soll mich das erstmal
    nicht stoeren.
  • es geht echt viel, wenn man sich nur ein bisschen traut und man
    keine Angst vor peinlichem Auftreten hat (klingt jetzt total
    eso-mach-dein-leben-neu :). Im Grunde genommen geht alles, was nicht
    irgendwie durch physikalische Gegebenheiten beschraenkt ist. Mein
    Traum ist jetzt schoene Musik machen zu koennen, und so einen
    Traum zu haben, von dem man auch halbwegs sicher weiss, dass er in
    Erfuellung gehen wird, laesst sich alles sehr schoen
    leben. Zumindest habe ich seit einem Jahr kein Weltschmerzgefuehl
    mehr gehabt, wie ich sie frueher immer hatte.

Ein paar Buecher fuer den Weg: “The conquest of happiness” von
Bertrand Russel, das ganze Spinnerzeugs von Robert Anton Wilson, das
aber recht cool ist (“Cosmic Trigger”, “Quantum Psychology”,
“Prometheus Rising”), das Metaprogrammingbuch von John Lilly, gute
Lebensqualitaetsanhebungselemente koennen auch einiges.

So und das war jetzt wirklich genug Egogeheule 🙂

posted by manuel at 2:05 pm  

5 Comments »

  1. freut mich das es dir besser geht. so lese ich das.
    ich finde das was du machst ganz groß. weiter so. grüße aus köln.

    Comment by micha — February 28, 2006 @ 6:09 pm

  2. und da dachte ich das es mir mit meinem
    nervenden bauch schlecht geht. aber das du dich
    nicht mal strecken kannst – da
    ist mein kram nicht wirklich schlimm.
    gute besserung und versuchs mal mit nem homeopathen 🙂

    Comment by Olli — February 28, 2006 @ 7:02 pm

  3. Es freut mich sehr für Dich.
    So viel Zeug kann manchmal im Deinem Bauch stecken bleiben..
    Hau rein.
    Grüesse aus B. 😉

    Comment by Mehmozza — March 6, 2006 @ 9:34 am

  4. Hi Manuel,
    ich kann sehr gut nachempfinden, was du durchgemacht hast. Hatte vor kurzem, nach Trennung von Freundin inklusive Ortswechsel, auch sowas wie eine Sinnkrise. Jetzt besinn ich mich wieder mehr aufs Musikmachen. Das Gefühl auf einer Bühne zu stehen und abzurocken oder einfach nur auf einer Gitarre Songs zu zocken ist unglaublich wichtig für die Seele und füllt in mir das Loch, welches das nicht endenwollende Gehacke doch manchmal hinterläßt.
    Gruß Matthias

    Comment by Matthias — March 28, 2006 @ 6:48 pm

  5. thanks

    Comment by sohbet — February 21, 2009 @ 12:23 pm

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